Freitag, 25. September 2015

Denkmal: kuriose Mode-Welt

Ich stolpere dieser Tage überall über Bilder der Fashion Weeks und muss mich angesichts der neusten Schlagzeilen und Aufsehen-Erreger doch wieder einmal wundern. Ein wunderbares Statement für Inklusion und Behinderung (Zitat Stylebook) wurde gesetzt, als man die 18-jährige Madeline Stuart, ein Mädchen mit Down-Syndrom, auf einer Fashion Show auf den Laufsteg schickte.
Anderswo, z.B. bei Kampagnen von Diesel sieht man Chantelle Brown-Young, die wir alle bereits im TV sahen, als Mädchen mit Vitiligo, der Weißfleckenkrankheit oder Shaun Ross, den jungen Mann mit Albinismus, den´s jetzt auch als T-Shirt zu kaufen gibt.
Es wird bunter auf den Modenschauen der Welt, möchte man denken und applaudieren, wenn mir da nicht irgendwie ein fader Beigeschmack bliebe.



Warum das? frage ich mich in mich hinein und meine innere Stimme erklärt mir, wie viel Aufmerksamkeit das betreffende Label doch einheimst, wenn es sich mit ebendiesen Models schmückt. Auch wenn wir so gern die Unterschiede beiseite schaffen und Equality for everyone predigen, diese Menschen unterscheiden sich rein optisch zum Teil extrem von der Masse, ja sogar von derer der normalen Models. Und da ist der Punkt, den ich beinahe gruselig finde.
Man bedient sich einer uralten, makaberen Tradition. Anders fasziniert. Anders zieht Blicke auf sich. Und selbst wenn wir es nicht wahr haben wollen, hier wird die Andersartigkeit, in dem Fall eine Krankheit ausgenutzt, um Profit zu machen.
Waren es bisher nur die besonders makellosen, schlanken, porzellanhäutigen Mädchen-Frauen, sind es jetzt bereits menschliche Unikate, die her müssen, um überhaupt noch aus der Masse hervor zu stechen.Weniger die Arbeiten der Designer als die Modelle selbst stehen jetzt im Rampenlicht.
Vielleicht klingt es nach Übertreibung, doch sind die Fashion Weeks dieser Welt bald moderne Versionen altertümlicher Kuriositätenkabinette, in die sich das amüsierlaunige Volk begibt, um sich über Abnormitäten und die Launen der Natur zu informieren?
Wollen wir mehr Verständnis für Andersartigkeit oder wollen wir nur gaffen, anstarren und uns über die neusten Extreme wundern? Der Grat ist schmal, die Grenzen fließend.

Madeline Stuart hatte Spaß auf der Show und wurde von tosendem Applaus begleitet. Das ist schön und vielleicht sollte man es einfach so sehen. Doch wie weit ist die Mode-Industrie bereit, zu gehen, um sich noch mehr von allen abzuheben. Wir sind makabere Werbespots und Plakate gewöhnt. Wir gewöhnen uns an so manches. Und wahrscheinlich bin ich die einzige, die in dieser Geste der Gleichberechtigung und Verständigung etwas Zweifelhaftes sieht.

Die Mode bringt schon lange nichts wirklich Neues mehr hervor. Trends kommen und gehen und kommen wieder. Es wird nur neu interpretiert, hier eine Tasche, da ein Knopf angenäht und so weiter. Um Eindruck zu schinden und Kontroversen zu schaffen ist jedes Mittel recht. Der Ruf nach Anerkennung und Aufmerksamkeit ist lauter denn je. Was also tun?
Dürre Magermodels sind seit je her das Kapital der Fashionweeks. Seit neustem erregt Plus Size neben Size Zero einige Aufmerksamkeit. Neben zu dürr jetzt also zu dick?
Tendieren denn immer alle zu Extremen, um irgendwo irgendwas in Bewegung zu bringen?
Klar gibt´s auf der Welt sehr schlanke und eben sehr füllige Frauen, doch was soll uns als Betrachter, als potentielle Kunden diese Information suggerieren?
Wir sind nur gut, wenn wir ein Extrem bedienen können.

Ich finde diese Entwicklung dramatisch und frage mich deshalb immer öfter, warum normale Menschen für die Mode, obwohl ebendiese doch die Kundschaft sind, so derart uninteressant sind, gar schmählich vernachlässigt werden, dass man als Durchschnittsmensch im besten Fall nur Komplexe bekommen kann. Und dabei ist ein körperliches Extrem in den meisten Fällen offenkundig eher ungesund als natürlich. Wer also Model werden möchte, hat nun nicht mehr nur den Hunger-Weg sondern kann sich auch Speck anfuttern, um für die Agenturen interessant zu sein. Ganz großes Kino! Was für eine Ironie, dass Durchschnitt anscheinend als wertlos abgetan wird und man Menschen in Masken zwängen muss, um sie vorzeigbar zu machen. Wir müssen uns also immer anders sein, um ernsthaft wahrgenommen zu werden. Ist das nicht traurig, beschämend, entwürdigend?
Sicher spinne ich den Faden zu weit, denn wenn man sich mit dem unsichtbaren Durchschnitt zufrieden gibt, kann einem so was sicher herzlich egal sein.

Ich trage aktuell 38/40, das macht mich definitiv zum Durchschnitt. Ich bediene keinerlei Extreme, steche nicht hervor. Ich ernähre mich abwechslungsreich und bin damit weitestgehend gesund.
Welches ernsthafte, ehrliche Model kann das von sich behaupten?
Verdienen wir, die wir eher 08/15 als extrem sind, nicht alle einen Orden und mindestens einen sechsseitigen Beitrag in allen Modemagazinen dieser Welt, weil wir erkennen, wer wir sind und nicht, wer wir sein müssen, um erkannt zu werden?
Ist es wirklich ein Zeichen von Akzeptanz und Gleichberechtigung, immer andere Extreme zu fordern? Immer Veränderungen an Menschen, die 08/15 und trotzdem gut genug sind? Ich bin froh, selbst entscheiden zu können, was ich möchte und die meiste Zeit wach genug im Kopf zu sein, zu wissen, dass ich okay bin. Auch ohne Veränderungen an mir. Allerhöchstens eine andere Haarfarbe, die erlaube ich mir. Die macht mich nicht extrem, nicht anders, nicht krank. Ich bleibe unsichtbar. Der Mode-Welt verborgen. Abseits der Fashion Weeks. Ohne faden Beigeschmack.

English:
Different is better. Difference attracts everyone´s attention, doesn´t it? Currently fashion weeks are everywhere in the world coming up with more and more different types of models even with unique ones like Chantelle Brown-Young and Shaun Ross. People with disabilities and diseases to attract as much customers as possible. I an not sure if this is a good way to impress the audience. I think it´s much easier and very tanatlizing to catch people´s interest with more extreme looks. But isn´t normal a better thing? Aren´t we all normal and just want to be seen as who we are? We don´t want to change just for being recognized and accepted. Don´t you agree?

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