Montag, 29. Februar 2016

Klartext über ein unbequemes Thema

Überall frische, spritzige Post voller Energie und bunter Themen, guter Ideen und Tipps. Damit kann ich manchmal einfach nicht dienen. Ich nehme dann ein neu gekauftes Produkt in die Hand und denke mir Wie gern würde ich dazu jetzt etwas für euch schreiben.
Ich hatte in letzter Zeit genug Dinge, die mir aktuell den Weg dahin versperren, doch leider sind ebendiese nichts, was ein Fashion- oder Lifestyle-Blogger thematisieren sollte. Vielleicht wäre es aber doch irgendwie gut, dieses unbequeme Thema mal zur Sprache zu bringen, denn da draußen seid ihr, die eventuell ähnliches erleben und sich nach etwas Verständnis und Mitgefühl sehnen. Darum jetzt:

Aktuell leide ich an einer Depression. Damit bin ich in psychologischer Behandlung.


Wenn ich das in den Raum stelle, sind eher unbeholfene, mitleidige Bemerkungen wie Oh, ja, ähm... na dann wünsche ich gute Besserung oder Du schaffst das schon, so eine Phase hat jeder mal an der Tagesordnung. Dann merke ich schnell, dass mein Gegenüber keine Ahnung hat, wie er mich jetzt behandeln, sich mir gegenüber verhalten soll. Weil Depressionen ein Tabu-Thema sind. Und weil andere oft nicht verstehen können.

Ich versuche zu erklären, wie sich das anfühlt, so eine Depression. Ich habe oftmals einfach keine Kraft, mich mit den alltäglichsten Dingen auseinander zusetzen. Ich fühle mich tief traurig, unnütz und ungeliebt. Als wäre ich überflüssig, allen und mir selbst im Weg und könnte nichts mehr richtig machen. Ein regelrechter Versager, ein Nichtsnutz. Ich habe keine Energie, keinen Elan, kein Selbstvertrauen, keine Lebensfreude mehr. Ich könnte mich zuweilen nur verkriechen, will meine Gedanken nicht hören und auch sonst niemanden. Selbst Zuneigung ist manchmal schwer zu ertragen, weil mein verrückter Kopf meint, ich hätte diese nicht verdient. Zuneigung kann mir in solchen Momenten sogar Abscheu und Übelkeit verursachen.
Ich bin schwach, fühle mich krank, mir fällt alles schwer.

Was genau die Gründe dafür sind, kann ich im Einzelnen gar nicht genau ausführen, doch die Symptome spüre ich fast rundum die Uhr, auch körperlich. Das sind zum Beispiel Magenschmerzen, Sodbrennen, Appetitlosigkeit, Verdauungsbeschwerden, Kopfschmerzen, Schwindel oder Herzrasen. Dieser Zustand belastet nicht nur mich sondern mein gesamtes Umfeld, besonders aber die Menschen, die ich liebe. Sie machen sich Gedanken, sie sorgen sich. Auch darüber, ob sie vielleicht Anteil an meiner Depression haben, ob sie etwas falsch gemacht haben. Meist kann ich jedoch keine Gründe nennen, warum es mir so geht. Weil es manchmal keine gibt, nicht einmal einen Auslöser.

Wichtig für mich selbst ist dann immer, mich auf mich zu konzentrieren und darauf, wieder in mein Leben zurück zu finden. Gesund zu werden. Zu heilen. Mit einem gebrochenen Bein macht man ja auch nicht einfach so weiter wie bisher. Man geht zum Arzt. Der Körper braucht wie bei jeder anderen Krankheit Genesungszeit. Er braucht Rehabilitation. Manchmal muss man das Laufen wieder neu erlernen. So ähnlich kann man sich das auch bei einer Depression vorstellen, nur dass man keinen Knochenbruch auf dem Röntgenbild erkennen kann.
Strukturen helfen. Man muss sich auf die Dinge besinnen, die einem Freude bereiten. Beschäftigung hilft. Bewegung hilft. Raus gehen, malen, Musik hören, stricken, basteln, lesen. Doch in echten Akut-Phasen kann einem sogar das Leben zu viel werden. Klingt dramatisch, ist es manchmal auch. Dann braucht es eine helfende Hand. Einen Therapeuten, der genau weiß, was zu tun ist. Und manchmal Medikamente, wie ich sie nehme. Sie helfen mir, nicht wieder zurück in das Loch zu fallen, aus dem heraus zukommen so unglaublich kräftezehrend ist.

Für die unter euch, die diesen Text mit einem Kopfnicken gelesen haben, sich aber nicht dazu aufraffen können, mit ihrem gebrochenen Bein zum Arzt zu gehen, rate ich nur eins. Zögert nicht. Es wird nicht besser, je länger ihr wartet. Hilfe anzunehmen ist keine Schande und Depressionen sollten heute kein No-Go mehr. Sie sind viel mehr etwas, wofür noch zu wenig Verständnis besteht, weil die Menschen sich nicht trauen, darüber zu sprechen. Sie schämen sich. Sie halten sich für lebensunfähig.
Ich gestehe, dass ich mich auch geschämt habe, eben weil ich mich als Versagerin fühlte, doch das ist falsch. Den Mut zu haben, sich einzugestehen, ein Problem zu haben, ist der erste Schritt auf dem Weg der Besserung. Ich spreche aus Erfahrung, denn auch wenn ich mich inzwischen schon besser fühle, erinnere ich mich gut an meinen Zustand, bevor ich mir helfen ließ. Der Zustand kann jederzeit zurückkehren. Davor habe ich Angst, doch inzwischen weiß ich, was ich für mich tun kann, wenn es soweit kommen sollte. Das ist sehr wichtig für mich, denn es gibt mir Hoffnung und Halt.

Es wird Zeit, Klartext zu reden, ob mit eurer Familie, eurer besten Freundin oder eben erst einmal mit einem Therapeuten. Denkt an euch. Ihr könnt niemandem helfen, wenn ihr selbst Hilfe benötigt. Ihr könnt nicht für andere da sein, wenn ihr nicht mal Kraft für euch selbst habt. Ihr könnt niemanden wirklich lieben, wenn ihr euch nicht selbst liebt. Klingt radikal, ist aber wahr, wenn ihr in euch hinein hört. Jeden kann eine Depression heimsuchen, diese Krankheit macht keine Unterschiede. Und selbst in meiner Therapie-Zeit habe ich großartige Menschen kennengelernt, die mich genau verstehen und wissen, wie ich mich fühle. Sie haben mir Kraft gegeben, Halt, Freude und Verständnis, wir haben gemeinsam gelacht und geweint. Ich schreibe diese Zeilen voller Dank an jeden einzelnen von ihnen.
So beschissen es einem in einer Depression auch geht, es gibt Wege aus dem Loch heraus. Man muss sie nur gehen.
Habt keine Angst davor, was andere denken oder sagen, ob sie euch verstehen oder nicht. Es geht um euch, um eure Gesundheit, um euer Leben. Mit einem gebrochenen Bein würdet ihr auch nicht zögern.

Liebst
Eure Kali


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Liebst
eure Kali P.