Donnerstag, 27. Oktober 2016

English? No English! Türkçe!

Endlich habe ich mal den Nerv, die Fotos in diesen Beitrag einzufügen. Das war der letzte Schliff. Jetzt kann er online gehen. Obwohl es bereits bald wieder einen ganzen Monat her ist. Aber was macht das schon, von der Erinnerung zehre ich ja schließlich auch immer noch.
Die Bilder habe ich nicht nachbearbeitet. Keine Lust.



Dass ich in meinem Leben je wieder Urlaub mache, hätte ich nicht für möglich gehalten. Zu allem Überfluss auch noch in einem Land, das aktuell eher mäßig gut auf uns zu sprechen ist. Mit Gefahrenzuschlag so zu sagen. Touristen hielten sich zuletzt lieber von diesem Reiseziel fern, somit war mein erster Blick der hin zur Webseite des Auswätigen Amtes - jetzt bloß keine Reisewarnung! Um eine Konfrontation mit auf Kravall gebürsteten Polis zu vermeiden, hab ich auch ganz brav alle lieb gemeinten Hinweise gelesen. Kurzum: 26°C Luft-, 24°C Wassertemperatur, eine Stadt, die einen nicht atmen lässt und eine Unmenge an Menschen, die sich tatsächlich ´nen Scheiß dafür interessieren, wo du herkommst. So ist Istanbul.


Es war mein erster Besuch in der fünftgrößten Stadt der Welt und ja, Oh mein GOTT, was zur Hölle hab ich labiles, depressives Weibchen mit Panik vor Menschenmengen mir dabei gedacht, eine solch wahnwitzige Wahl zu treffen? Ich schwöre, ich war weder betrunken noch anderweitig auf Abwegen. Könnte nett werden war mein Gedanke. Spannendes Pflaster. Wird schon schief gehen. Und das ist es auch. Ich komm also da an mit meinem neuen Männchen, raus aus dem Flughafengebäude und stelle prompt fest, dass wir ohne einen Shuttle-Service zum Hotel bereits am Arsch wären. Je näher wir ebendiesem kommen, desto deutlicher drängt sich dieser Gedanke auf. Er lockt mit Tee und Knabbereien, er will uns unbedingt etwas verkaufen, dabei will ich nur noch flüchten. Und die Türken sind beim Autofahren nicht zimperlich. Das war das erste Mal, dass mir nach einer Fahrt schlecht war.


Hotel absolut gigantisch, direkt am Fährhafen von Kadıköy. Das Doubletree by Hilton Istanbul Moda war mit Abstand das beeindruckendste Häuschen am Platz. Ich sage euch, man bekommt genau das, was man auf den Bildern sieht und auf der Webseite liest. Nur zum aktuell absolut lächerlichen Preis. Ich brauche euch nicht mal neidisch zu machen, das werdet ihr von ganz allein, doch als wir dort ankamen, war ich so übel gelaunt...


Dasselbe am nächsten Tag. Frühstück verschlafen, mittags raus aus dem Hotel und erst mal ordentliche Berührungsängste. Was, wenn die wirklich böse auf Deutsche sind? Wenn die uns nun nix verkaufen wollen? Totaler Schwachsinn, denn die haben uns nicht mal verstanden! English? No english! Und nun? Istanbul kann groß und weltoffen sein, doch wenn du in einem Stadtviertel absteigst, das nur Einheimische und Studenten kennt, biste mal eben fix unterm Radar. Nachdem ich wenigstens meinen knurrenden Magen unter Kontrolle hatte, bei Wasser und Simit (Sesam-Kringel), wollte ich nur noch heim. Ja, eine echte Memme mit ausgewachsenem Heimweh. Nicht mal das Leitungswasser kann man da trinken!
Mir hat´s schon am ersten Tag gereicht, Istanbul-Supergau. Game over. Luft raus. Licht aus.



Istanbul ist ein Ameisenhaufen. Von Außen ist alles chaotisch. Von innen auch. Man hat also nur zwei Möglichkeiten. Sich dran gewöhnen oder fliehen. Und es geht beides gleichzeitig. Kaum zu glauben, doch nach den sechs Tagen hätte ich locker nochmal so viele dranhängen können. Neben den typischen Sehenswürdigkeiten wie Hagia Sofia und Blauer Moschee hat diese Metropole so unendlich viel zu bieten, das ein ganzes Leben nicht reicht um sie zu kennen. Schock und Faszination gehen hier nicht nur Hand in Hand, sie haben eine Affäre miteinander. Arabische Touristinnen machen im Hijab Selfies, daneben knutscht ein türkisches Pärchen, sie im Mini Rock, dazwischen immer wieder starker schwarzer Tee oder Kaffee. Fast so viele Möwen wie Menschen. Und nachts, ja nachts erwachen die eigentlichen Besitzer der City, die jungen Leute, als wäre ab 18 Uhr überhaupt erst der Tag angebrochen. Armenische Hilfsarbeiter schieben Karren voller Kartons durch enge, schmutzige Gassen, Fischgedärme liegen überall auf dem Boden, zutrauliche Rudel von ziemlich gesunden, kastrierten Katzen kreuzen den Weg, die frei laufenden Hunde sind sogar gechipt. Die städtische Müllabfuhr sammelt ständig Abfälle auf, die Sekunden vorher erst fallen gelassen wurden. Man sieht viel weniger Kopftücher als gedacht. Tradition und Moderne liefern sich in Kadıköy und Moda ein erbittertes Duell. Freundschaftlich und dennoch bestimmt.



Die Seeluft bekommt man erst auf den Fähren etwas fernab der Küste zu spüren. Köstlich salzig, lau und duftig. Bevor einem der Kopf explodiert, kann man nämlich Ruhe finden bei all dem Chaos und der Hektik. Prinzeninseln heißt das Zauberwort. Noch nie habe ich einen so einsamen, wunderschönen, verwunschenen Ort wie diesen gesehen. Eine Familie mit zwei Kindern war neben uns noch dort. Ein verlassener Beachclub im Oktober, der nur zwei Mitarbeiter hatte, mit denen wir nur über Gesten kommunizierten. Uns wurden extra zwei Liegen bereitgestellt. Alle anderen waren bereits im Winterschlaf. Eine kleine Yacht schaukelte bedächtig in der kleinen Bucht von Heybeliada. Drei einheimische Frauen badeten etwas weiter unten und belustigten sich ob meines freizügigen Bikinis, sie selbst im Ganzkörper-Badeanzug. Draußen auf dem offenen Meer zog ein Tanker vorbei, umgeben von einem Dunstschleier, der die tief stehende Sonne blass und weiß erscheinen ließ. Nichts hat sich je so leicht angefühlt. Ich hätte den Rest meines Lebens in diesen Momenten verbringen können, knietief im kristallklaren Wasser zwischen winzigen Fischen, den Sand zwischen den Zehen. Mein Liebster bei mir, gemeinsam Tee schlürfen und unter den knorrigen Kiefern an den steilen Hängen spazieren, die sonst nur Pferdekutschen befahren dürfen.



Der Spagat gelingt, das macht Istanbul perfekt. Hier die Stadt mit ihrem Überfluss an neuen Eindrücken und Überreizen, dort die Inseln mit nahezu mystischer Ruhe und meditativem Gemüt. Dazwischen etwa eine Stunde Fährfahrt, die mit Getränken und traditionelle Snacks gespickt ist.
Und vielleicht das wichtigste an dem gesamten Aufenthalt: das Panorama. Ob hinter einem weißen Tüllschleier bei Tag oder mit Millionen orangefarbener Lichter bei Nacht - Istanbul ist ein magischer, unendlicher Ort, an dem es keine Sprache braucht, nur alle Sinne. Er reißt dich mit, frisst dich und speit dich aus, ist grob und rücksichtslos und zerrt an dir, raubt dir deine letzten Nerven, dein letztes Hemd. Doch bist du erst einmal befreit, kannst du atmen, kannst du ihn nehmen wie er ist.
Wenn ich kann, komme ich zurück.



Ich will mehr. Von allem. Es ging nicht schief, nur anders. Wir haben es überlebt, sind reicher geworden und reifer. Sind gealtert und gewachsen. Haben Lust und Luft bekommen.
No English? No problem. Teşekkür İstanbul!

Liebst
Eure Kali

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eure Kali P.