Montag, 12. Dezember 2016

Der Weihnachtswunsch


Es war einmal vor gar nicht allzu langer Zeit, da lebte ein Mädchen in einer verträumten kleinen Stadt in einem nicht so verträumten, nicht so kleinen Land.
Jedes Jahr aufs Neue, während andere im Sommer in der Sonne lagen, Eis aßen oder sich im Schwimmbad abkühlten, machte sie sich Gedanken. „Was wäre wohl das perfekte Geschenk?“
Das perfekte Geschenk für die Mutter, den Vater, etwas für den Onkel, der am ersten Weihnachtstag auch noch Geburtstag hatte, etwas Besonderes für die Oma und den Opa und natürlich den Allerliebsten.
Das war ihr ein großes Anliegen und so verbrachte sie alle Zeit damit, zu lauschen und zu erinnern, was all ihre Lieben sich wohl am meisten wünschten. Vielleicht dieses eine Buch, das überall vergriffen war? Etwa die Tasse, die einst kaputt ging – eine aus dem Service der Uroma – und von der sie tatsächlich eine bei eBay entdeckt hatte? Diese Uhr, die alles aushielt und unzerstörbar war?
Es gab so vieles, was sie sich wünschten, doch welches war wohl das ideale, das ihre Augen strahlen lassen würde?
Es gingen Sommer und Herbst dahin. Das letzte Laub bekam nun eine weiße Puderzucker-Schicht, da hatte das Mädchen alle Geschenke beisammen, hübsch eingepackt und reich mit Schleifen und glänzenden Bändern verziert.
Als alle nun zum heiligen Abend gemeinsam an einem Tisch saßen - der Baum festlich geschmückt- und leise Weihnachtsmusik dem Raum eine feierliche Stimmung verlieh, nutzte das Mädchen die Gelegenheit, zu überprüfen, ob all ihre Recherchen genügt hatten und sie eine ausgezeichnete Wahl getroffen haben würde.
So fragte sie in die Runde „Was ist euer größter Weihnachtswunsch?“

Eine lange Pause war zu vernehmen, in der keiner sprechen mochte. Da begann die Mutter
“Ich würde mir wünschen, dass wir öfter voneinander hören. Du rufst so selten an. Ich weiß, dass unser Verhältnis nicht perfekt ist, weil wir oft anderer Meinung sind, doch ich liebe dich, du bist meine Tochter – ich möchte mehr Zeit mit meiner Tochter.“
Darauf hin schwieg sie und die Oma fügte hinzu
“Dass wir im neuen Jahr mal wieder gemeinsam in die Stadt gehen. Und in das Café, wo wir sonst immer so gern waren. Da machen wir´s uns dann gemütlich! Immer, wenn wir zusammen sind und ich mit dir erzählen kann, fühle ich mich gleich besser.“
Nach einer längeren Pause sagte der Vater
“Dass ich die Zeit zurück drehen könnte. Ich mache mir oft viele Vorwürfe wegen der Vergangenheit. Ich kann meine Fehler nicht wieder gutmachen, doch ich wünschte es. Jeden Tag wünsche ich es mir.“
Als der Vater zu ende gesprochen hatte, sagte ihr Freund
“Dass du mich liebst. Mehr brauche ich nicht, denn auch ich liebe dich. Ein langes, schönes Leben mit dir, das wäre mein Weihnachtswunsch für heute und immer!“
Er machte sie verlegen.

Dann sah sie ihren Opa an. Dem ging es schon eine Zeit lang nicht gut. Er sagte
“Gesund zu sein und dass mir noch mehr Zeit mit euch allen bliebe.“ Seine Stimme klang müde und erschöpft, doch er lächelte.
Alle senkten den Kopf.
Zum guter Letzt meldete sich ihr Onkel zu Wort.
“Ich habe alles, was ich brauche. Ich wünsche mir nur, dass ich zufrieden bin. Dass mir und meiner Familie nichts zustößt. Dass wir alle glücklich sind.“
Dann war Stille.

Das warme Licht in der Stube kam inzwischen nur noch von den Kerzen im Weihnachtsbaum und auf dem Adventskranz. Draußen funkelten die Sterne am schwarzen Firmament. Dem Mädchen wurde schwer ums Herz. Es begann leise zu weinen und verbarg ihr Gesicht hinter ihren Händen. Ihre Mutter schloss sie in ihre Arme und fragte „Kind, warum weinst du denn jetzt?“
Unter lautem Schluchzen war kaum zu vernehmen, was das Mädchen entgegnete. Sie erwiderte die Umarmung ihrer Mutter, dann umarmte sie nach einander all ihre Lieben. In ihrem Herzen hatte sie gewusst, dass kein Geschenk der Welt – und sei es noch so perfekt ausgewählt – je denselben Wert haben würde wie all die Herzenswünsche, die ihre Familie eben mit ihr geteilt hatte.

Und obwohl jeder nach der Bescherung ein ganz besonders gut erwähltes Präsent in Händen hielt und alle sich von Herzen freuten, war nur ein größter Weihnachtswunsch an diesem Abend in Erfüllung gegangen.
Es war der des Mädchens, nämlich der, dass all die Menschen, die ihr am meisten bedeuteten, gemeinsam zum Fest an einem Ort zusammen kämen.


Dieser Text ist für euch alle.
Ich wünsche euch Frohe Weihnachten.
Eure Kali

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eure Kali P.